(Gegenwind 383, August 2020)

Klappschute wird für Einsatz klariert
Klappschute wird für Einsatz klariert

Die Büchsen der Pandora

Giftgasversenkung durch die Alliierten in der Lübecker Bucht

Es sind nur zwei kurze Sätze. Aber ihr Inhalt ist hochexplosiv und stellt das bisherige Sicherheitskonzept unserer Behörden zum Umgang mit versenkter Munition direkt vor unseren Stränden erneut infrage: Kurz nach Kriegsende notierte die in Lübeck stationierte britische Spezialeinheit „21. Regional Port Control Team“ der Royal Engineers unter dem 29. Oktober 1945 in ihr Kriegstagebuch: „Hauptmann L. J. Hoppe begleitete an Bord des Schleppers ‚Travemünde’ eine mit feindlicher chemischer Kampfstoffmunition beladene Klappschute zur Versenkungsstelle in der Lübecker Bucht. Der Versenkungsversuch mit der Klappschute wurde erfolgreich durchgeführt“ (1).

Diese kurze offizielle Notiz lässt keine Zweifel zu: Auch die britische Militäradministration hat Giftgas direkt vor unseren Stränden versenkt. Damit ist ein weiteres Mal das jahrzehntelange behördliche Beteuern widerlegt, in deutschen Gewässern hätte es nie Giftgasversenkungen gegeben (2). Überhaupt scheint das Thema Giftgas bis heute in den Amtsstuben für kollektives Unbehagen zu sorgen. Denn wie lässt es sich sonst erklären, dass die im Jahr 2008 gegründete Bund-Länder-Expertengruppe „Munition im Meer“ auch nach zwölf Jahren intensiver Recherchen zum Thema chemische Kampfstoffe in der deutschen Nord- und Ostsee in ihren Berichten keine einzige unbekannte Versenkungsaktion aufgedeckt hat (3)?

Bis heute sind es private Initiativen, die die Öffentlichkeit zu diesem Thema mit immer neuen Überraschungen aus alten Akten transparent und offen informieren. So geschehen, als zum Beispiel WATERKANT erstmals über die durch die Nationalsozialisten kurz vor Kriegsende durchgeführten Giftgasversenkungen in der inneren Flensburger Förde detailliert berichtete (4) oder als - im selben Blatt - belegt werden konnte, dass niedersächsische Behörden 1949 zigtausende Tabun-Granaten bei Helgoland versenkt hatten (5). Auch kann die behördliche Expertengruppe bis heute nicht die Frage beantworten, ob die Zeugenaussage stimmt, dass im April und Mai 1945 in der Kieler Bucht - vor Laboe?, nur 1500 Meter vom Strand entfernt - im Wehrmachtsauftrag eine größere Anzahl Eisenflaschen mit dem hochgefährlichen Senfgas versenkt worden sei (5).

Lübecker Fall schon seit Februar 2019 bekannt

Der eingangs zitierte Fall zur Lübecker Bucht ist aber noch aus einem ganz anderen Grund von besonderem Interesse: Schon im Februar 2019 wurde der Aktenfund schleswig-holsteinischen Vertretern der Bund-Länder-Expertengruppe präsentiert: Auf der jährlich vom Bund Deutscher Feuerwerker und Wehrtechniker e. V. (BDFWT) veranstalteten „Fachtagung Kampfmittelbeseitigung“ stellte ein Militärexperte in einem Vortrag den Sachverhalt dar, der kurze Zeit später auch via Internet veröffentlicht wurde (6). Die Quellenangabe ermöglicht es zudem jedem Interessierten, problemlos eine Kopie der Originalakte im britischen Nationalarchiv für relativ geringe Kosten online zu bestellen und innerhalb von wenigen Tagen via Download zur eigenen Prüfung und Analyse zu bekommen.

Daher verwundert es umso mehr, dass diese erste belegte Versenkung von chemischer Kampfstoffmunition in der Lübecker Bucht offensichtlich behördlicherseits bis heute keine besondere Beachtung erfährt. Im Februar dieses Jahres hatten zwar in Lübeck eine interne „Munitionsberatung“ des städtischen Ausschusses für Umwelt, Sicherheit und Ordnung sowie eine öffentliche Informationsveranstaltung der SPD-Landtagsfraktion zum Munitionsproblem stattgefunden. Laut einem Pressebericht wurde dabei aber jeweils nur die seit langem bekannte Belastung der Lübecker Bucht mit konventioneller Munition thematisiert (7).

Immerhin gab es dort allerdings einen nur für Insider verständlichen, versteckten Hinweis auf das bestehende Giftgasproblem: Ein schleswig-holsteinischer Vertreter der Expertengruppe soll laut Teilnehmern geunkt haben, die vielen vor Neustadt versenkten Munitionskisten „können sich zu sehr unheilvollen ‚Büchsen der Pandora’ entwickeln, wenn sich darin statt der ‚Originalfüllung’ mit konventioneller Munition auch solche mit chemischen Kampfstoffen [...] befinden“ (8). Das sollte offensichtlich beruhigen, verkennt aber die Tatsachen und ist ein gravierendes Versäumnis, denn chemische Kampfstoffe im flachen Wasser direkt vor unseren Stränden beinhalten eine akute Gefahrenlage, die auf beiden Fachsitzungen hätte vertieft diskutiert werden müssen.

Noch im November 2019 hatte Schleswig-Holsteins Umweltminister Jan Philipp Albrecht (Grüne) zur Munitionsproblematik in Nord- und Ostsee mahnend feststellt: „Der Staat hat das Problem 50 Jahre negiert“ (9). Transparenz und aktives Handeln sind also gefordert und politisch gewollt. Jetzt gilt es, staatlicherseits ab sofort verantwortungsvoll, zielgerichtet und angemessen zu handeln und dabei die Öffentlichkeit proaktiv frühzeitig zu informieren. Bis dahin ist es aber noch ein langer Weg. Schon im Fall Helgoland wurde trotz eindeutiger Aktenlage lange Zeit die Giftgasversenkung durch niedersächsische Behördenvertreter öffentlich als „zweifelhaft“ abgetan (10). Und nachdem WATERKANT die Akten zitiert hatte und diese endlich behördlicherseits als Faktum akzeptiert worden waren, dauerte es mehr als ein Jahr, bis zumindest auf den Seekarten das Gebiet mit dem Gefahrenhinweis „Gasmunition“ bezeichnet wurde (11). Eine Ausweisung als Sperrgebiet geschweige denn eine Bergung der Tabun-Granaten konnten aber bis heute nicht realisiert werden.

Das Konzept der Alliierten

Der aktuelle Fall lüftet noch weitere Geheimnisse über das Munitionsproblem entlang der schleswig-holsteinischen „Riviera“. Unmittelbar nach Ende des Zweiten Weltkrieges standen die Siegermächte vor der Herausforderung, das deutsche Kriegspotenzial schnellstmöglich zu vernichten. Groß war die Angst vor der Existenz eines schlagkräftigen Partisanen-Apparates aus nationalsozialistischen „Werwölfen“. So mussten praktikable, rasche Lösungen für die enormen Beutearsenale an Munition gefunden werden. Das Versenken im Meer galt dabei als die effizienteste und ungefährlichste Methode. Rund zwei Millionen Tonnen deutsche Munition wurden per Bahn oder Binnenschiff an die Küste transportiert und auf Seeschiffe umgeladen. Versenkungsstellen wurden durch die Alliierten festgelegt und auf den Seekarten eingezeichnet.

Konventionelle Munition wurde dabei oftmals schon auf der Fahrt direkt nach Verlassen des Hafens einfach über Bord gegeben oder mit Hilfe von Klappschuten entsorgt, indem an den meist strandnahen Versenkungsstellen die Böden der Schute nach unten abgeklappt wurden, wobei die Munition herausrutschte und punktuell als großer Haufen auf den Meeresboden fiel. Für die 300.000 Tonnen deutscher Giftgasmunition sah das Konzept der Westalliierten vor, es jeweils mitsamt Schiff fernab der Küsten in größeren Wassertiefen zu versenken. Dafür wurden sukzessive Dutzende deutsche Handelsschiffe benötigt. Den Reedereien war es dabei zumindest gestattet, Einrichtungen und Ausrüstungsgegenstände vorab von Bord zu nehmen. Brauchbarer Schiffsraum war in jenen Zeiten aber knapp, und jeder zusätzliche Verlust volkswirtschaftlich inakzeptabel. So verwundert es auch nicht, dass britische Dienststellen auf der Suche nach geeigneteren Alternativen für die Versenkung von Giftgas waren.

Giftgasmunition in der Lübecker Bucht

Lübeck war damals einer der größten Verladehäfen für zu versenkende Munition. Ende 1945 wurden im Stadtteil Schlutup mehrmals pro Woche durch die britische Militäradministration Klappschuten und Dampfbagger vor allem mit hochbrisanter konventioneller Munition be- und an der damals einzigen in der Lübecker Bucht ausgewiesenen Versenkungsstelle vor Haffkrug entladen. Gleichzeitig wurden tausende Tonnen Giftgasmunition auf Frachtern verstaut, die im Skagerrak versenkt werden sollten. Es handelte sich damals um die ganze Bandbreite an chemischen Kampfstoffen und Munitionstypen. Einzig Spitzenkampfstoffe wie vor allem Nervengase (Sarin, Soman, Tabun) wurden größtenteils zu Forschungszwecken in die Heimatländer der Alliierten verbracht.

Es kann unterstellt werden, da genauere Angaben im vorliegenden Kriegstagebuch fehlen, dass bei der Pilotversenkung vor Haffkrug eine dem Versuch angemessene Auswahl und Menge an Giftgasmunition eingesetzt wurde. So wurden wahrscheinlich vor allem mit Senfgas - der von den Nazis mit Abstand am häufigsten produzierte Kampfstoff - sowie mit Phosgen und arsenhaltigen Kampfstoffen gefüllte Bomben, Granaten, Minen und Kanister versenkt, deren Gesamtgewicht bei beachtlichen 100 Tonnen gelegen habe dürfte. So hoch war zumindest zu damaliger Zeit in Lübeck die durchschnittliche Beladung der Klappschuten mit konventioneller Munition.

Nach Erkenntnissen der Bund-Länder-Expertengruppe sollen Versenkungsfahrten von Lübeck aus in die Lübecker Bucht ausschließlich zum Versenkungsgebiet vor Pelzerhaken geführt haben (3). Das ist anhand der aktuellen Aktenfunde zu revidieren. Die Versenkungsstelle vor Haffkrug ist nicht nur von Neustadt aus bedient worden, sondern wurde speziell auch für die Lübecker Versenkung von Giftgas und hochbrisanter Munition genutzt. Da auf diesem Transportweg in gewissen Umfang ebenfalls ein „enroute dumping“ zu vermuten ist, ist das munitionsbelastete Gebiet in der Lübecker Bucht deutlich größer und strandnäher als behördlicherseits bislang angenommen.

Aktives Handeln dringend erforderlich

Im Gegensatz zum Versenkungsgebiet Pelzerhaken, wo - nicht direkt strandnah, bei Wassertiefen von mehr als 20 Metern - ein Großteil der versenkten Munition in den Nachkriegsjahrzehnten meterhoch mit Hochofenschlacke überdeckt wurde, verlangt die akute Gefahrenlage vor Haffkrug schnelles Handeln der Behörden. Die Munition liegt dort vielfach frei auf dem sandigen Meeresboden bei einer Wassertiefe von nur 10-15 Metern. Die Strände sind teilweise nur 1,5 Kilometer entfernt, so dass durch Starkwindlagen immer wieder Munitionskörper in Bewegung kommen und einfach angespült werden können.

Besonders perfide ist dabei ein Phänomen, vor dem schon 1971 in einem Gutachten zur Giftgasproblematik in der Ostsee eindringlich gewarnt wurde (12). Ein Kampfstoffexperte gab zu Protokoll, dass Senfgas sich im Wasser langsam unter Abspaltung von Salzsäure zersetze. Seiner Ansicht nach könnten somit nicht ganz dichte dünnwandige Munitionskörper, wie die mit Senfgas gefüllten Minen (so genannte Sprühbüchsen) und Bomben, bei längerer Lagerung in tiefen Gewässern allmählich Auftrieb bekommen, da Salzsäure mit dem Eisen Wasserstoff entwickele, der dabei die Füllung verdränge. Solche aufgeschwemmte Giftgasmunition könne dann problemlos an Strände vertrieben werden und beim Anlanden weiterhin Senfgas austreten lassen, was Unfälle zur Folge habe. So geschehen laut Gutachten an der italienischen Riviera, als versenkte französische Kampfstoffmunition durch Gasbildung in den Behältern in Folge von Innenkorrosionauftrieb. Auch an polnischen und schwedischen Ostseestränden kam es schon zu unerwarteten Senfgasunfällen mit mehr als 100 Verletzten.

Gern beruhigen die Behörden die Öffentlichkeit mit dem Hinweis, dass viele versenkte chemische Kampfstoffe bei Freisetzung unter Wasser innerhalb kurzer Zeiträume zu weniger giftigen, gut wasserlöslichen Stoffen abgebaut werden (3). Für angespülte Munitionskörper mit ihrem tödlichen Inhalt und insbesondere für offen liegende Senfgasklumpen gilt das aber nicht. Senfgas ist sehr stabil und behält seine Gefährlichkeit auch bei wechselnden physikalischen Eigenschaften über viele Jahrzehnte. Und genau dann, wenn sich die meisten Urlauber an den Stränden sonnen, in der warmen Jahreszeit, besitzt Senfgas seine größte Wirksamkeit. Deshalb forderte der Gutachter schon 1971 zur Verhinderung von Unfällen, dass „schnelle, umfassende, wirksame und koordinierte Maßnahmen notwendiger denn je sind“ (12).

Apropos Giftgasversenkung - ungeklärt bis heute ist der Verbleib der 1961 durch die Hansestadt Lübeck vor der eigenen Haustür versenkten chemischen Kampfstoffe (5). Und neue Augenzeugenberichte lassen vermuten, dass noch lange nicht alle Aktivitäten zur Giftgasentsorgung vor unseren Stränden bekannt sind. So sollen deutsche Kriegsgefangene Anfang 1947 in Schlutup mehrere Tage lang französische grüne Kampfstoffgranaten auf selbstfahrende Klappschuten verladen haben, die anschließend ihre Fracht in der Lübecker Bucht verklappt hätten.

Jetzt umsetzen: Mehrstufiges Sicherungs- und Sanierungskonzept

Pressemeldungen verheißen jedoch nichts Gutes, wenn Entscheidungsträger beim Thema versenkte Munition weiterhin darauf beharren: „Wir haben bestimmt noch 30 Jahre, in denen wir in Ruhe mit dieser Belastung umgehen können“ (13). Für die Lübecker Bucht gilt das nicht. Die Gefahren durch Senfgas und Co. lassen kein Zögern mehr zu. Ein mehrstufiges Sicherungs- und Sanierungskonzept ist für die Lübecker Bucht jetzt in Anwendung zu bringen:

  1. Umgehend sind alle bekannten Versenkungsstellen zu Sperrgebieten zu erklären, um jeglichen Zugriff Dritter auf chemische Kampfstoffe und andere gefährliche Munition zu unterbinden. Strandbesucher, Wassersportler, Schifffahrt und Fischerei sind besonders zu warnen. Auf Seekarten ist die Versenkungsstelle vor Haffkrug mit dem Gefahrenhinweis „Gasmunition“ zu versehen und das HELCOM-Sekretariat ist darum zu bitten, die Versenkungsstelle offiziell als HELCOM-Giftgasgebiet auszuweisen.
  2. Sofern noch nicht erfolgt, ist in den nächsten Monaten eine flächendeckende Munitionssuche inner- und außerhalb der Versenkungsstellen mit Bergung und nachfolgender munitionstechnischer Begutachtung von Projektilen durchzuführen. Zeitgleich ist eine vertiefende historische Erkundung zum zeitlichen Ablauf und zu den Örtlichkeiten der Versenkungen von Giftgas und konventioneller Munition zu realisieren, indem insbesondere Dokumente der verschiedenen Dienststellen der britischen Militäradministration gesucht und ausgewertet werden.
  3. Anschließend sind unter Einbindung unabhängiger Experten auf Grundlage aller Erkenntnisse die prioritären munitionsbelasteten Gebiete zu identifizieren, die zur Gefahrenabwehr für Mensch und Umwelt saniert werden müssen. Für alle nicht prioritären Gebiete ist zumindest der zukünftige Handlungsbedarf festzulegen.
  4. Die Sanierung der prioritären Munitionsgebiete ist schnellstmöglich zu erfüllen. Weiterer Handlungsbedarf ist adäquat umzusetzen.

Lübecker Bucht: Nur die Spitze des Eisbergs

Mit diesem Aufgabenkatalog ist das Thema „Giftgas vor den deutschen Stränden“ jedoch lange noch nicht abgeschlossen. In vielen deutschen Häfen wurden chemische Kampfstoffe zur Versenkung auf Schiffe verladen - und bis heute ist deren Verbleib oft ungeklärt. Der aktuelle Fall „Lübecker Bucht“ ist, wie WATERKANT bereits mehrfach nachweisen konnte, nur die „Spitze des Eisbergs“.

Update

Direkt nach Veröffentlichung des Artikels bei WATERKANT berichteten viele norddeutsche Tageszeitungen über die strandnahe Giftgasversenkung in der Lübecker Bucht. Hierzu erklärte Peter Stein, CDU-Bundestagsabgeordneter aus Rostock und Berichterstatter für Munitionsaltlasten bei der Ostseeparlamentarier-Konferenz u.a. in der Ostsee-Zeitung vom 24. Juni 2020: „Diese Erkenntnisse von Dr. Nehring sind mir in dieser Klarheit neu. Dass es in deutschen Gewässern niemals Giftgasversenkungen gegeben habe, diese Aussage habe ich nie für abschließend belastbar gehalten.“ Vier Tage später berichteten die Lübecker Nachrichten, dass das Kieler Umweltministerium indes keinen Anlass sehe einzuschreiten. So stellte dessen Sprecher Joschka Touré klar: „Unterlagen aus britischen Archiven, die so einen Vorgang nahelegen, liegen dem Land seit 2012 vor.“ Nachprüfungen historischer Unterlagen hätten den Verdacht jedoch nicht erhärten können. Die eindeutige Aussage im Kriegstagebuch zur erfolgten Giftgasversenkung wird also amtlicherseits einfach als „Verdacht“ bewertet. Und schon gilt das Problem für die Behörden als gelöst. Kurios ist, dass andere originäre, aber unproblematische Aussagen zu Munition im gleichen Kriegstagebuch als uneingeschränkt wahr verbreitet werden. Diese Entscheidungsfindungen erinnern sehr stark an frühere Zeiten, als unangenehme Erkenntnisse über Munition in Nord- und Ostsee behördlicherseits gern verschwiegen oder als unglaubwürdig abgetan wurden, zum tödlichen Nachteil von Mensch und Umwelt. Das galt eigentlich als überwunden (Sueddeutsche.de vom 18. April 2020): „50 Jahre lang hat der Staat das Problem der Munition in Nord- und Ostsee verneint, auf unsere Bemühungen aus Schleswig-Holstein hin kommt man jetzt endlich ins Handeln“, sagte der schleswig-holsteinische Umweltminister Jan Philipp Albrecht der dpa. „Das ist wichtig, denn angesichts der Zerfallsprozesse unter Wasser arbeitet die Zeit gegen uns.“ Das Kapitel Giftgas in deutschen Gewässern ist damit nicht abgeschlossen.

Stefan Nehring

Nachabdruck des am 22. Juni 2020 bei WATERKANT - Umwelt + Mensch + Arbeit online veröffentlichten Artikels (bis auf das Update), https://waterkant.info/?page_id=6884

Anmerkungen:

Originalzitat der obigen Übersetzung: War Diary of No. 21 Regional Port Control Team R. E., October 1945, Lubeck, 29th: „Capt L J Hoppe on board tug ‚Travemunde’ accompanied hopper barge experimentally loaded with enemy CW ammo to dumping ground in Lubeck Bay. Experiment of dumping from hopper barge successfuIly carried out.“ TNA WO171/5866 Deutscher Bundestag, Drucksache 13 / 4652 vom 17. Mai 1996. Böttcher, Claus, et al.: „Munitionsbelastung der deutschen Meeresgewässer - Bestandsaufnahme und Empfehlungen (Stand 2011)“; Hamburg, 2011. Dieser und alle weiteren Jahresberichte des „Expertenkreises ‚Munition im Meer’“ sind im Web verfügbar: https://www.schleswig-holstein.de/DE/UXO/uxo_node.html Nehring, Stefan: „Codename ‚Spaten’ - Giftgas in der Flensburger Förde“; in: WATERKANT, Jg. 27, Heft 1 (März 2012), Seite 7 ff. Nehring, Stefan: „Munitionsversenkungen durch die Bundesrepublik Deutschland - Legende oder Wirklichkeit?“; in: WATERKANT, Jg. 23, Heft 4 (Dezember 2008), Seite 9 ff. Vortrag von Manfred Messer auf der BDFWT Fachtagung Kampfmittelbeseitigung; Bad Kissingen, 2019; http://dfabgmbh.de „Munition in der Ostsee: Lübeck braucht Geld für die Bergung“, Meldung der „Lübecker Nachrichten“ vom 19. Februar 2020. Scheffler, Hagen: „Das unbeherrschte Gefahrenpotential am Grund der Ostsee“; in: Lübeckische Blätter, Jg. 185, Heft 6 (März 2020), Seite 83. „Das Problem 50 Jahre negiert“, Meldung in der Tageszeitung „Die Welt“ vom 8. November 2019. Rapsch, Hans-Jürgen, und Fischer, Udo: „Munition im Fischernetz“; Isensee Verlag; Oldenburg 2000; ISBN 978-3-8959-8673-4. Nehring, Stefan: „Nervengas bleibt auf dem Meeresgrund“; in: WATERKANT, Jg. 25, Heft 1 (März 2010), Seite 20 ff. Jäckel, Kurt: „Untersuchungsbericht über die Versenkung von Kampfstoffmunition der deutschen Wehrmacht nach dem 2. Weltkrieg durch die drei Westmächte (Großbritannien, USA und Frankreich) im Skagerrak und der Biscaya“; Hamburg, 1971. SPIEGEL online: „Weltkriegsbomben am Meeresgrund - Fische mit Tumor“; Meldung vom 16. Mai 2017.

Bilder aus Privatarchiv S. Nehring außer Klappschute von Bundesanstalt für Wasserbau (IZW-Medienarchiv) und Karte B aus Böttcher et al. 2011 (siehe Anm. 3).

Chemische Kampfstoffe

Chemische Kampfstoffe sind vor allem militärisch genutzte chemische Verbindungen, die die physiologischen Funktionen des menschlichen Organismus dermaßen stören, dass die Kampffähigkeit von Menschen beeinträchtigt oder sogar der Tod herbeigeführt wird. Es sind gasförmige, flüssige oder feste Stoffe, die in Bomben und Granaten oder durch Abblasen oder Versprühen mit Gasflaschen oder Kanistern gegen Menschen eingesetzt werden können.

Die während es Zweiten Weltkrieges produzierten chemischen Kampfstoffe lassen sich folgenden Wirkstoffgruppen zuordnen:

  1. Nervenkampfstoffe
    Wichtige Vertreter: Tabun, Sarin, Soman
    Hauptsymptome: Krämpfe sowie Lähmung des Atemzentrums (Atemstillstand).
  2. Hautkampfstoffe
    Wichtige Vertreter: Lost (Senfgas), Lewisit
    Hauptsymptome: Hautrötungen, Blasenbildung, nekrotische Gewebezerstörungen mit außerordentlich schlechter Heilungstendenz, Schädigung von Organen (Augen, Leber, Niere, Milz, Hirn, Magen-Darm-Trakt, Herz, Lunge) mit ggfs. tödlichen Ausgang, stark kanzerogen.
  3. Lungenkampfstoffe
    Wichtige Vertreter: Phosgen, Diphosgen
    Hauptsymptom: toxisches Lungenödem.
  4. Nasen- und Rachenreizstoffe
    Wichtige Vertreter: Adamsit, Clark I, Clark II
    Hauptsymptome: Husten- und Niesreiz, verstärkte Sekretion der Nasenschleimhaut und Speicheldrüsen, Atemnot, Kopfschmerz und Schmerzen im Brustbeinbereich. In hohen Konzentrationen ist Ausbildung eines toxischen Lungenödems möglich.
  5. Augenreizstoffe
    Wichtiger Vertreter: Chloracetophenon
    Hauptsymptome: Brennen und Stechen der Augen, Tränenfluss, Fremdkörpergefühl, Lidschluss, zeitweilige Blindheit und Bindehautentzündungen. In hohen Konzentrationen sind bleibende Augenschäden und Ausbildung eines toxischen Lungenödems möglich.
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